Studienreise der DFG-Köln ins Roussillon vom 8. bis 15.Mai 2010

Thema: Romanik und katalanisches Barock im Roussillon

Reisebericht

Wie bei den voraufgegangenen Reisen nach Burgund 2005 und an die Schlösser der Loire 2006  wurde auch diesmal eine zentral gelegene Stadt als Mittelpunkt für Sternfahrten zu den Besuchszielen ins Auge gefasst. Die Wahl fiel auf  Perpignan, die alte traditionsreiche Hauptstadt des Roussillon.  Neu war die Entscheidung, Hin- und Rückreise mit Hilfe des Flugzeugs zu verkürzen. Wir flogen also von Köln-Wahn aus nach Marseille und nahmen dort den Reisebus eines in Perpignan ansässigen Unternehmens für alle weiteren Fahrten.  

 Samstag, 08. Mai

Problemloser eineinhalbstündiger Flug nach Marseille, Ankunft gegen 17:00 Uhr, keine Störung durch Vulkanasche. Herzlicher Empfang der 28 Teilnehmer durch unseren Fahrer Emile, der sich schon nach wenigen Kilometern als äußerst kommunikativer katalanisch geprägter Südfranzosen entpuppte. Während der knapp vierstündigen Fahrt über die Autobahn „Languedocienne“ wurden von der Reiseleitung einige Basisdaten zu Geologie, Geografie, Geschichte und Sprache des Languedoc angeboten. Eine akustische Probe okzitanischer Sprache und Troubadourmusik musste wegen mangelnder Technik im Bus auf später verschoben werden. Gegen 21:30 Uhr Einchecken im Hotel Ibis Perpignan Centre.

Sonntag, 09. Mai

Der erste Tag begann mit  zwei parallel geführten „Balades historiques“ durch Perpignan, eine auf deutsch, die andere auf französisch. Beide Stadtführer erläuterten umfassend die spezifisch katalanische Entwicklung Perpignans im Kampf zwischen den französischen und  spanischen Kronen und schufen damit eine gute historische Grundlage für unsere weiteren Unternehmungen. Schlüsselwort des französischen Führers zur Charakterisierung der durchgehend bedrohten Lage der Menschen in Perpignan: „Eh alors, ils se sont  révoltés.“

Um 14:00 Uhr brachen wir auf zu einer ersten Begegnung mit einem herausragenden Beispiel der romanischen Bildhauerkunst im Roussillon, dem Tympanon des „Maître de Cabestany“ in der Dorfkirche von Cabestany, 15 km westlich von Perpignan. . Anschließend Vertiefung unserer Eindrücke  im Museum “Centre de Sculpture Romane“, wo uns zahlreiche  Kopien von Werken  dieses Meisters von Oberitalien bis Spanien begegneten und die These erhärteten, dass er bei der Gestaltung seiner Skulpturenwelt ebenso auf Vorbilder aus der Spätantike zurückgriff wie Einflüsse aus Oberitalien verarbeitete.

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Große Anerkennung zollten wir der ausgezeichneten methodisch-didaktischen Präsentation der Exponate, die Kindern und Jugendlichen einen interaktiven Zugang zur Kunst bietet.

Dann aber, gegen 17:00 Uhr, war Schluss mit Besinnlichkeit, denn Natur trat heftig brausend auf den Plan. „Tramontana“  erwischte uns auf dem Strand von Saint-Cyprien, blies uns viel  Sand ins Gesicht und ließ das Meer mächtig wogen und weiß schäumen und verlockte die Haare unserer Damen, sich attraktiv zausen zu lassen. -  Erst im Café Maillol kamen wir wieder zur Ruhe. 

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           Am Strand von Canet Plage

   
Montag, 10. Mai

Elne stand auf dem Plan, Elne, dieses auf einen Felshügel in weiter Ebene gepflanzte uralte Bischofsstädtchen mit seiner romanischen Kathedrale und dem berühmten Chorherren-Kreuzgang aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, an dessen Kapitellen die romanische und gotische Steinmetz-Elite so hingebungsvoll gearbeitet hat. Den ganzen Vormittag verbrachten wir dort und besichtigten die figurative Vielfalt der Kapitelle, genossen aber auch den Kontrast zwischen dem düsteren Inneren der Kirche und der Lichtfülle, die uns auf der Aussichtsplattform mit Blick auf die weite früchtetragende Ebene überraschte, und lobten den kunstsinnigen Ratsherrn, der  den noch unbekannten jungen Maillol bewogen hatte, eine  tröstliche Pomona, Göttin der Früchte und Gartenkultur, den Gefallenen zu Ehren als Antikriegsdenkmal zu gestalten. Auf dem Platz hinter dem Chor der Kirche steht sie im Schatten ihrer Bäume und schaut, schwungvoll gewandet!, selbstbewusst ins Land.

Am Mittag ging es weiter nach Collioure, dem Hafenstädtchen mit dem Charme der Côte d’Azur und dem Duft der Anchovis, wo sich im Sommer 1905 Matisse und Derain getroffen und, von Licht und Farbe berauscht, den Fauvismus begründet hatten (und wo zur touristischen Erinnerung jetzt 21 Nachbildungen ihrer Bilder die Mauern zieren), wo aber auch, rund 200 Jahre zuvor, der Holzschnitzer Joseph Sunyer einen wunderbaren goldenen Barockaltar geschaffen hatte. Auf den hatten wir es abgesehen und waren überrascht vom Charme dieses apsisfüllenden prunkvoll strahlenden und, dieu merci, doch gar nicht protzigen Riesengebildes. Welch eine selbstsicher triumphierende Heilsgewissheit hatte hier gewirkt – und welch ein Kontrast zu den demütigen Gestaltungen der Romanik!

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Deshalb auf dem Rückweg nach Perpignan schnell wieder zurück zur Romanik, ja zur Vorromanik. In Saint-Génis-des-Fontaines konnten wir bei der Betrachtung des Türsturzes an der Westfassade der Kirche eine der ältesten datierten Skulpturen Frankreichs bewundern: Ein Flachrelief, datiert auf 1020, deutlich von Buchmalerei und Elfenbeinschnitzkunst beeinflusst.  

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Dienstag, 11. Mai

Nach St-Michel-de-Cuxa und St-Martin-du-Canigou ging es heute; zuvor aber nach Prades, wo in Saint Pierre noch einmal ein Barockaltar von Sunyer lockte, der sich aber als wesentlich weniger attraktiv erwies als der von Collioure. Dafür aber tat sich  überraschend ein großer Wochenmarkt auf, dessen bunte Vielfalt uns fast über Gebühr aufhielt. Aber die Zeit zu einer geziemenden  Besichtigung und Bewunderung der großartigen Klosteranlage in Cuxa, die Muster für den frühromanischen Kirchenbau wurde, reichte dann doch aus.   

Gegen Mittag stiegen wir von Casteil aus problemlos über eine betonierte Trasse zum Kloster Saint-Martin-du-Canigou auf und ließen uns zum Picknick den mitgebrachten Rotwein schmecken. Pünktlich um 15:00 Uhr begann die  geführte Besichtigung. Zum erstenmal gab es etwas Regen, nicht unangenehm, betonte eher die Einsamkeit der Anlage. Die detaillierten Erläuterungen der Führerin zu Bau, Verfall und Rekonstruktion der Gebäude ließen die wechselvolle Geschichte der Abtei präzise lebendig werden. Wieder, wie in Cuxa, begeisterten die phantasievollen  figurativen Kapitelle. Gepflegt und betreut wird die heutige Anlage von einer geistliche Gemeinschaft von Frauen und Männern, die ordensähnlich strukturiert, aber nicht, so haben wir es verstanden, an Ordensgelübde gebunden ist.
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Mittwoch, 12.Mai

Carcassonne stand auf dem Plan, obwohl die Stadt nicht zum Roussillon gehört. Aber wir hatten sie ins Programm aufgenommen, ebenso wie die für den nächsten Tag vorgesehene  Katharerburg Quéribus, weil sie innerhalb der bewegten religiösen und politischen Entwicklung Südfrankreichs eine hervorragende Rolle gespielt hat.

Auf der Hinfahrt hörten wir mittels der nunmehr abspielbaren CD zwei Textbeispiele in okzitanischer Sprache, dem Provenzalischen,  wie es von Frédéric Mistral überliefert ist. Pathos und Stolz prägen diesen Ton der „Langue d’oc“, und FranVoise Schaeffer-Reuter traf ihn wunderbar, als sie uns zum besseren Verständnis erst einmal  die „Langue d’œil“–Version vortrug, also die des offiziell gewordenen heutigen Französisch..

Unsere Stadtführerin in Carcassonne stammte aus Hamburg und hatte sich auch nach über 25 Jahren Aufenthalt in Frankreich immer noch ihren schönen norddeutschen Akzent bewahrt und zugleich einen Humor, der auch die krudesten historischen Vorkommnisse noch erträglich erscheinen ließ. Und von denen gab es ja leider sehr viele zu berichten während des zweistündigen Gangs um die Befestigungsmauern. Fazit: Mit dem Ende des blutigen Kreuzzugs gegen die Katharer um 1250 ging nicht nur deren Verständnis des Christentums unter, sondern es erlosch weitgehend auch die spezifische Kultur des Languedoc.. 

Donnerstag, 13. Mai

Um 10:00 Uhr begannen wir mit der „Eroberung“  der Katharerburg  Quéribus, bewaffnet mit Audio-guide oder Fernglas, jedenfalls bei windigem Wetter und wolkenverhangenem Himmel. Zu dem Schicksal der  Katharer brauchte nichts mehr gesagt zu werden, da unsere Führerin gestern und unser Mitreisender Klaus Jennes in Köln dazu schon ausführlich referiert hatten. Uns blieb das Staunen über die schwindelerregend abenteuerliche Felsenarchitektur, den Blick ins Hinterland auf die andere Katharerburg Peyrepertuse und die ad oculos demonstrierte Nähe der Grenze Frankreichs zu Aragon-Spanien bis zum Pyrenäenvertrag.1638. Natürlich blieb uns auch das gute Gefühl, den Tag sportlich-dynamisch begonnen zu haben.

Schwungvoll sollte es auch weitergehen. Noch auf dem Parkplatz der Burg begrüßte uns Morgane le Bars vom Syndicat d’Initiative de Maury, um uns durch die Weinfelder hinunter zum Weindorf Maury zu geleiten; denn es war ja klar: Eine Studienreise in Südfrankreich ohne „Dégustation de vins“, ça ne va pas!.

Im Dorf gab es eine Überraschung: Gleich drei Winzer hatten sich bereit erklärt, uns ihre Produkte zu erläutern und verkosten zu lassen, und das bei köstlichen Buffet-Angeboten, die vom besten Restaurant des Orts  bereitgestellt worden waren. Von Grenache noir war nun viel die Rede, aber auch von Macabeu und Carignan und dass es sich hier um die nördlichsten der Weinfelder des Roussillon handele und keineswegs um Corbière-Weine. Den Rhythmus gab die Komposition eines guten Menüs vor: Von eher einfachen Weinen als „Entrée“ gingen wir über zu einem wahrhaft kulinarischen Angebot, besonders an Rotweinen, gekeltert von einem Winzer, der auch für Aldi produziert – worauf er sehr stolz war – bis wir schließlich zu der Spezialität des „Terroir“ von Maury geleitet wurden, dem “vin doux naturel“, einem Dessertwein der allerfeinsten Sorte, perfekter Begleiter für Schokoladenmäulchen..

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Als Schlusspunkt des Tags war ein Besuch im Theater Achille Mir in Cucugnan vorgesehen, wo der allen Franzosen bekannte und beliebte „Sermon du Curé de Cucugnan“ filmisch angeboten wurde – leider eine durch geschmacklose Banalisierung verdrehte Präsentation. Da waren wir doch froh, zuvor im Bus die von Françoise Schaeffer-Reuter mit viel Witz und Brio  vorgetragene Originalversion von Alphonse Daudet gehört und genossen zu haben.

Freitag, 14.Mai

Letzter Besuchstag, letzter Höhepunkt romanischer Skulpturenkunst: die Prieuré de Serrabone. Nachdem uns der Bus, sich vorsichtig über eine äußerst serpentinenreiche schmale Straße vorantastend, endlich glücklich vor dem Kirchlein abgesetzt hatte, erschien es uns in seinem grauen Schiefergestein-Outfit zunächst doch eher von bescheidenem Charme: Kleines Basilika-Langhaus ohne Querschiff, gedrungener wehrartiger Turm, kleiner Vorplatz aus gestampftem Lehm. Dann aber innen – welch eine Offenbarung frühromanischer Bildhauerkunst in rosafarbenem Marmor! Als Introitus an den Kapitellen im kurzen Kreuzgang Löwen über Löwen, schreitende und artistisch verbogene, aber auch Greife und andere Fabelwesen, und im Kircheninnern die sogenannte „Tribüne“ – eine auf elegante Säulen gestemmte Marmorbrücke mit phantastischem Kapitellenschmuck – fast unwirklich in dieser schlichten Umgebung. Wie auch immer dieses Kunstwerk hierhin gekommen sein mag; die Augustinermönche, die ihre Prieuré in diese Einsamkeit gebaut hatten, waren offenbar von tiefer Frömmigkeit erfüllt und zugleich Kunstbegeisterte von erlesenem Geschmack, denen mächtige Förderer zur Seite gestanden haben müssen..

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                    Prioré de Serrabone-Empore


Uns blieb da nur, in die Jahrhunderte zurück sehr herzlich Dank zu sagen und sicher in die mehr oder weniger profane Wirklichkeit zurückzufinden, was nicht ganz einfach war, weil das geplante Picknick wegen zu starken Windes hier oben nicht möglich erschien. Aber unser stets hilfsbereiter und überaus ortskundiger Fahrer wusste Rat und fuhr uns zu einem schön gelegenen Picknickplatz bei Ille-sur-Têt. Am Abend in der Altstadt dann geselliges Abschluss-Dîner im Restaurant „Al Tres“ mit Gläserklang, Geschenken und freundlichen Dankesworten nach allen Seiten.

Samstag, 15. Mai

Rückfahrt im Bus nach Marseille, kräftiger Beifall für unseren wirklich exzellenten „Conducteur-guide“, der sich geradezu gerührt verabschiedete, „Ça me fait chaud au cœur“, problemloser Rückflug, wieder ohne Vulkanaschenbedrohung.

Ankunft in Köln-Wahn gegen 19:00 Uhr.

Rainer Ehlert und Josef Hummes