Historische Epochen und Umbrüche:

Die DFG Köln durchstreift das Ruhrgebiet

RUHR.2010  Kulturhauptstadt Europas ist eine einmalige Gelegenheit, eine der interessantesten Landschaften bzw. Metropolen der Welt ganz in unserer Nähe besser kennen zu lernen. Über mehr als ein Jahrtausend erstrecken sich menschliche,politische, wirtschaftliche, naturwissenschaftlich-technische – aber auch künstle-rische und auch religiöse Entwicklungen mit vielen Umbrüchen. Also machten wir uns auf am 16. und 17. April 2010.

ESSEN_-_vor_der_MnsterkircheFrohsinn_im_hellen_und_hellenischen_Wintergarten_des_Hgoloss
    vor der Münsterkirche                                                 Frohsinn im hellenischen Wintergarten
                                                                                    des Hügoloss     


Das Ruhrgebiet ist eine besondere Szenerie im Zentrum von Europas größtem Wirtschaftsraum: dem erweiterten nordrheinischen Raum – dem „cerf volant“, wie ich das supranationale Gebilde nannte. Essen war nun unser Fokus mit der an Kunstschätzen reichen Münsterkirche und dem großartigen Aalto-Theaterbau. Und mit seinen glorreichen Museen! Begeisterung kam auf bei der Sonderausstellung im Museum Folkwang, die im möglichen Umfang die noch erhaltenen Gemälde zusammen stellt, die von der NS-Unkultur verbannt wurden – im möglichen Umfang, weil sehr viele auch zerstört wurden. Die von der Kruppstiftung gespendete Museumserweiterung durch David Chipperfield ist ein hohes architektonisches Erlebnis: Raum, Licht, Natur und Besiedlung bilden eine Design-Sinfonie! Das Kulturerbe Zollverein ist ebenso erlebnisreich: Technikgeschichte ersten Ranges, angereichert durch das einzigartige Ruhr Museum, ein Museum der Natur- und Kulturgeschichte – interdisziplinär aufgebaut und multimedial präsentiert. Es ist ein „Gesamtkunstwerk“ realisiert vom Architektenbüro Rem Koolhaas / O.M.A. aus Rotterdam und dem Stuttgarter Ausstellungsarchitekten Merz. Auf dem Gelände der einst größten und modernsten Zeche Zollverein (nach dem deutschen Zollverein, einer Vor-Vereinigung des Landes) haben viele andere mitgewirkt, wie etwa Norman Forster (wo ist er nicht?) oder Böll und Krabel etc. In diversen Museen, Bildungsstätten, Kongress- und Ausstellungssälen, Gastronomien ist ständig Bewegung: das Designzentrum und -museum ist bedeutend, die Fakultät für Gestaltung (Design, Raumentwurf etc.) der Folkwang-Hoch-schule hat hier ihren Platz, ebenso wie das genannte Ruhr Museum, das auf drei Großetagen bis in 35 m Höhe in der früheren Kohlenwäsche aufragt und drei weiträumige Etagen füllt.

 Ruhrmuseum_Ruhrauen_bei_HattingenIm_netten_Restaurant_Antipasti_in_Essen-Rttenscheid
      Ruhrauen bei Hattingen                                            im netten Restaurant Antipasti in
                                                                                    Essen-Rüttenscheid



In die historischen Anfänge fester Ruhrbesiedlung tauchten wir in (Essen-)Werden ein und atmeten die Luft von 12 Jahrhunderten. Sowohl die ottonische Luziuskirche (wunderbar restauriert!) wie die große Abteikirche (in ihren Ursprüngen karolingisch und gut sichtbar erhalten ottonisch und romanisch „einerseits“ - und im Ausbau gotisch „andrerseits“) faszinieren. Die große, mächtige, reiche Benediktinerabtei von einst ist heute der Platz der Folkwang-Hochschule, einer hochwertigen, im Programm breit angelegten Universität für die Bildenden Künste, Design, Musik und Darstellenden Künste (Schauspiel und Tanz). Das ist die Kulturseele von Essen! Wie gut die Schule der Künste hierhin passt! Die Werdener Benediktiner waren maßgebliche Entwickler der Mehrstimmigkeit im MA! Das war zu Beginn des 12. Jh. in der Zeit , die musikalisch die St-Martial-Epoche  heißt nach den mitwirkenden Brüdern in der Abtei St Martial in Limoges. Das komponierte Organum (Zweitstimme) entstand (v.a. als Quint-Organum) und breitete sich aus – neben Werden und Limoges besonders in Mailand und Santiago de Compostela. Die Organum-Komposition wirkte aus den Klöstern hinaus in die Gesänge der Troubadoure, in die Chansons de Geste!

 Bewundert haben wir die hohe Qualität der Führungen, vor allem bei den Stadt-führerinnen und im Museum Folkwang. Auf Zollverein schwankte das etwas: zwei uns bekannte Führer für die Zechenführung waren brillant, zwei jungen Führern im Ruhr Museum, gelang der große Wurf der Gesamtsicht nicht so recht. Sie verhakten sich in „Hobbythemen“ mit einigen persönlich-spekulativen Äußerungen.

 Dank gilt denen, die uns eifrig halfen! Mit großer Begeisterung half die Essener Touristikzentrale. Auch unsere Freunde im Essener Französischen Kulturzentrum, das wir natürlich besuchten, umsorgten uns mit hoher Zuwendung. Wir lernten über die Partnerstadt Grenoble, die sich künstlerisch so hervorragend  auswirkt, vor allem im Tanz. Das ist auch ein großes Folkwangthema! Die Aalto-Oper, ohnehin Nr. 1 in NRW, hat ein hervorragendes klassisches Ballett, heute eine Seltenheit. Hier ist wieder ein Lichtpunkt, vor allem, wenn man noch etwas weiter denkt zum herrlichen Gelsenkirchener Musik- und Tanztheater – Schindowskis Choreografien sind Legen-de!

 Hohen Dank hörte ich aus eigenen Reihen: wie konnten wir bislang überhaupt leben, ohne in Wanne-Eickel gewesen zu sein !! So klangen die Worte. Im „Meistertrunk“ am Eickeler Markt genossen wir im Festsaal, umgeben von Botticelli-Wandgemälden am fürstlich gedeckten Tisch Fiege-Pils und gute Speisen. Später klangen die schönen Lieder vom Licht des Bergmanns und dem Mond von Maubeuge wie von Wanne-Eickel.

 Als wir am Sonnabend etwas ermattet nach Köln zurück fuhren, sagten manche und dachten viele in der guten Art von Tegtmeier/von Manger und Stratmann: „bis die Tage“ .... wir kommen wieder!

 Haye Roth, Köln  April 2010